Der mit dem Winspect-Gerät aufgezeichnete Fotoausschnitt zeigt in Bildmitte die Anzeige und Markierung eines automatisch detektierten Drahtbruches. | © Archiv ISR
Die Verantwortung hierfür liegt beim Betriebsleiter. Im Gegensatz zu vielen anderen Bauteilen der Seilbahn sind die Seile durch die Beanspruchung im Betrieb – siehe den Beitrag Beanspruchung der Zug- und Förderseile in ISR 2/2026, S. 18 – einem Verschleiß unterworfen, und aufgrund ihrer feingliedrigen Struktur können auch andere sicherheitsgefährdende Schäden, z. B. durch Korrosion oder Blitzschlag, auftreten. Der Seilzustand muss daher regelmäßig untersucht und beurteilt werden.
Frage: Welche Methoden der Seiluntersuchung gibt es und inwieweit lassen diese Methoden eine Beurteilung des Seilzustandes zu?
Antwort: Üblicherweise werden die Seile monatlich durch Augenschein untersucht. In größeren Zeitabständen werden die Seile auch zerstörungsfrei geprüft. Von den zerstörungsfreien Methoden hat sich die magnetinduktive Prüfung durchgesetzt. (Es gäbe noch die Prüfung mittels radioaktiver Methoden, Prüfung mittels Ultraschall o.ä.). Die magnetinduktive Methode läßt die Lage von Drahtbrüchen, das Auftreten von Korrosion erkennen und die Größe des Querschnittsverlustes abschätzen. Zum Erkennen der aufgezeichneten Kurve und Deutung der Fehler ist jedoch hinreichende Erfahrung notwendig, weil sonst u.U. falsche Ergebnisse erzielt werden können.
Kommentar: Grundsätzlich gibt es also zwei verschiedene Arten von Untersuchungsmethoden, solche, mit denen Schäden – hauptsächlich Drahtbrüche – an der Seiloberfläche visuell erkannt werden können, und solche, die auch innenliegende Drahtbrüche detektieren. Seit den 1980er-Jahren, aus denen die Prüfungsfragen von Prof. Bittner stammen, hat es bei beiden Arten der Untersuchungsmethoden große technologische Fortschritte gegeben.
Visuelle Seilprüfung: Die Durchführung der visuellen Seiluntersuchung war früher durch nationale Vorschriften genau geregelt, nach Inkrafttreten der EN 12927 (Sicherheitsanforderungen an Seilbahnen für die Personenbeförderung – Seile), gelten auch heute noch ganz ähnliche Bestimmungen. Das betreffende Seil muss von zwei gegenüberliegend positionierten Bediensteten bei einer Seilgeschwindigkeit von 0,3 bis 0,5 m/s in der Regel einmal monatlich auf Beschädigungen, insbesondere Drahtbrüche, visuell geprüft werden. Diese – ungeliebte – Tätigkeit ist zeitraubend und erfordert hohe Konzentrationsfähigkeit auch deshalb, weil neue Drahtbrüche vergleichsweise selten auftreten und daher die Aufmerksamkeit der Prüfer leicht nachlassen kann. Um einen Ersatz für diese zeit- und personalintensive Methode zu schaffen, wurde im Jahr 2001 am Institut für Fördertechnik und Logistik (IFT) der Universität Stuttgart eine automatisierte kameragestützte Prüfmethode entwickelt und 2009 durch das Unternehmen Winspect GmbH zur Praxisreife gebracht. Bei diesem System wird die Seiloberfläche mit vier rund um das Seil angeordneten Hochgeschwindigkeitskameras fotografisch vollständig erfasst. Die aufgezeichneten Bildstreifen wurden anfangs auf dem Bildschirm kontrolliert, später mittels spezieller Algorithmen – heute auch KI-unterstützt – analysiert und Oberflächenschäden automatisch ausgewiesen. Im Jahr 2011 wurde das System Winspect® in Österreich erstmals als Ersatzmethode für die monatliche augenscheinliche Prüfung behördlich zugelassen.
Magnetinduktive Seilprüfung (MTR): Auch im Bereich der magnetinduktiven Prüfung hat es seit den 1980er-Jahren wichtige technologische Fortschritte gegeben. Obwohl das Funktionsprinzip gleichgeblieben ist – Aufmagnetisierung des Stahlseiles bis zur magnetischen Sättigung im Messbereich und Aufzeichnung der magnetischen Streufelder, die durch Änderungen des metallischen Seilquerschnitts (z. B. Drahtbrüche, Korrosion) beim Durchlauf des Seiles durch das Messgerät entstehen. Früher erfolgte die Aufzeichnung des Messdiagramms in analoger Form auf langen Papierstreifen; die Interpretation der Diagramme war zeitaufwendig und erforderte viel Erfahrung. Moderne MRT-Systeme zeichnen die Streufluss-Messdaten hochauflösend digital auf und analysieren mittels KI-gestützter Software die Messdaten. Spezielle Algorithmen filtern Störgeräusche heraus, klassifizieren Schadensarten (z. B. Drahtbruch, Abrieb, Kerbe) automatisch und lösen Alarm aus, wenn Grenzwerte überschritten werden.
Neues Prüfkonzept: Normalerweise werden sowohl die visuelle als auch die magnetinduktive Seilprüfung in den behördlich vorgeschriebenen Zeitabständen unabhängig voneinander durchgeführt. Heute gibt es einen Trend zur Dauerüberwachung mit festinstallierten Prüfköpfen (Condition Monitoring), die das Seil bei jeder Fahrt kontinuierlich überwachen. Dabei kommen auch Prüfgeräte zum Einsatz, die die kamerabasierte optische Prüfung direkt mit der magnetinduktiven Prüfung in einem Durchgang kombinieren.
