Seilbahntrasse mit den Stützen Nr. 1 und 2 von der Sunset Town gesehen. | © Roman Gric
Die größte vietnamesische Insel Phú Quốc mit einer Länge von 48 km liegt südlich des vietnamesischen Festlandes im Golf von Thailand. Das tropische Klima lädt zu einem Urlaub in der Hauptsaison von November bis April mit stabilem Sonnenschein und Temperaturen um 26 bis 31º C ein. Die Monate Mai bis Oktober gelten aufgrund der häufigen Regenfälle (Monsunwetter) als touristische Nebensaison. Phú Quốc hat eine leidvolle Vergangenheit als Inselstraflager. Der von den Franzosen erbaute und später von den Amerikanern und der südvietnamesischen Regierung übernommene Gefängniskomplex im Süden der Insel ist heute ein Museum. Der Angriff der Roten Khmer auf vietnamesische Zivilisten auf der Insel im April 1975 führte schließlich zum vietnamesisch-kambodschanischen Krieg. Erst 1999 erkannte Kambodscha die Souveränität Vietnams über die Insel endgültig an.
SEILBAHNREKORDE DER SUN GROUP
Die Sun Group Corporation ist eine der größten privaten Mischkonzerne Vietnams und konzentriert sich auf vier Hauptbereiche: Tourismus, hochwertige Wohn- und Resort-Immobilien, Luxushotels und Infrastruktur wie internationale Flughäfen oder Sportkomplexe. Die Gruppe betreibt auch mehrere große Themenparks, Wasserparks und nicht zuletzt Seilbahnen. Die Sun Group wurde 2007 von vier Vietnamesen gegründet, die in der ehemaligen Sowjetunion lebten. Einer von ihnen war Lê Viết Lam, der 2007 nach Vietnam zurückkehrte, um den ersten vietnamesischen Themenpark der Sun Group, Bà Nà Hills, zu bauen. Die Gruppe erkannte sofort die Bedeutung der Seilbahnen als attraktives, leistungsfähiges und umweltfreundliches Transportmittel für die von ihr erschlossenen touristischen Destinationen. Seit 2008 hat die Sun Group in Vietnam eine ganze Reihe von Seilbahnen gebaut, von denen sechs aufgrund ihrer Parameter in die Guinness-World-Records aufgenommen wurden. Bereits 2008 galt die in Bà Nà Hills gebaute 8er-Kabinenbahn mit einer Länge von 5.042 m als damals weltweit längste Bahn ihrer Art. Im April 2013 wurde in dieser Region die 10er-Kabinenbahn Bà Nà Big Ropeway in Betrieb genommen, die mit einer Länge von 5.772 m den bisherigen Weltrekord brach*). Im Jahr 2015 wurde mit der Eröffnung der 3S-Seilbahn Fansipan Legend mit 6.326 m Länge ein weiterer Guinness-Weltrekord bestätigt. Ein Jahr später folgte die Pendelbahn Ha Long Queen mit gleich zwei Weltrekorden – mit 230er-Kabinen und mit der 188,88 m hohen Stütze (die Zahl 8 gilt in asiatischen Kulturen als Glückszahl). Die 3S-Seilbahn Hòn Thơm aus dem Jahr 2018, über die wir hier berichten, hat bereits nach weiteren drei Jahren mit 7.899,9 m Bahnlänge den Rekord der 3S-Seilbahn Fansipan Legend übertroffen und gilt als bislang längste 3S-Seilbahn der Welt. Und schließlich die 3S-Seilbahn Cát Bà, die 2020 im Norden Vietnams eröffnet wurde und die weltweit höchste Seilbahnstütze mit einer Höhe von 214,8 m aufweist, schließt – zumindest bis jetzt – die Rekordliste der Seilbahnen von Sun World ab. Alle diese Bahnen wurden von der Doppelmayr/Garaventa-Gruppe gebaut.
*) Auch die 10er-Kabinenbahn von Poma im serbischen Zlatibor mit einer Länge von 8.866 m ist rekordverdächtig. Diese Bahn hat zwar nur einen Antrieb in der Zwischenstation Ribničko jezero, verfügt jedoch über zwei Förderseilschleifen, die mit einer zweirilligen Antriebsscheibe angetrieben werden.
REKORDSEILBAHN ERSCHLIESST FERIENINSEL
Am 4. September 2015 begannen die Bauarbeiten an der einzigartigen 3S-Seilbahn, die die Stadt An Thới im Süden der Insel Phú Quốc mit der 8 km entfernten Insel Hòn Thơm über das Meer verbindet. Nach 2,5 Jahren Bauzeit wurde im Februar 2018 die Seilbahn eröffnet, obwohl der Tourismus dort zu dieser Zeit noch in den Anfängen steckte und auf einige wenige Strände beschränkt war. Dank Investitionen von rund 400 Mio. US-Dollar sind dort inzwischen zahlreiche Attraktionen entstanden, darunter der 8 ha große Wasserpark Aquatopia mit Wellenbecken und Rutschen, mit einer Achterbahn, mit dem 120 m hohen Aussichtsturm Eagle‘s Eye und mit Öko-Pfaden durch den Regenwald. Im Bereich der Abfahrtsstation in An Thới wurden neben unzähligen Luxushotels auch Attraktionen, wie die Symphony of the Sea gebaut. Es handelt sich dabei um eine spektakuläre Show mit Wasserdüsen, Lasern, Multimedia-Effekten und Feuerwerk, die jeden Abend im Kiss Bridge-Bereich in Sunset Town, unmittelbar neben der Seilbahnstation, stattfindet. Die beiden Seilbahnstationen befinden sich in imposanten Gebäuden, die verschiedene Dienstleistungen beherbergen und ein raffiniertes Design und eine aufwendige Dekoration aufweisen.
SCHWIERIGE BAUPHASE
Obwohl die Seilbahn über dem Meer verläuft, wurden alle sechs schlanken Stahlbetonstützen auf festem Boden errichtet, da sich zwischen den beiden Seilbahnstationen noch zwei kleine Insel befinden: Hòn Dừa (Stütze Nr. 3) und Hòn Rỏi (Stütze Nr. 4). Die Herausforderung bestand im Bau der Stützen, hohlen monolithischen Konstruktionen aus Stahlbeton. Für den Bau wurde eine Kletterschalung verwendet, die mit jedem ausgehärteten Segment nach oben verschoben wurde. Das gesamte Material – von Tausenden Tonnen Beton bis hin zu Stahlkonstruktionen – musste mit Lastkähnen vom Festland herangeschafft werden. Für die Stützen Nr. 3 und 4 auf unbewohnten Inseln wurden provisorische Anlegestellen und Zufahrtswege für schwere Maschinen gebaut.
3S-SEILBAHN DER SUPERLATIVE
Der Höhenunterschied zwischen den Stationen beträgt zwar nur 6 m, aber die Stützen Nr. 2 bis 5 erreichen eine Höhe von 120 bis 164 m (Stütze Nr. 4), sodass sich während der Fahrt ein herrlicher Blick auf die Inselgruppe und die Meereslandschaft eröffnet. Das längste Spannfeld von 1.998 m Länge befindet sich zwischen den Stützen Nr. 4 und 5. Auf der Trasse sind 74 Seilreiter angeordnet, auf den Stützen Nr. 1 bis 5 und auf den Seilreitern in den drei Spannfeldern zwischen den Stützen Nr. 2 und 5 gibt es insgesamt acht Windmessgeräte. Die Firma Fatzer lieferte für diese Bahn vier Tragseile mit einer Länge von 8.275 m und zwei 8.262 m lange Zugseile, die mit zwei Spleißen zu einer Seilschleife verbunden wurden. Die Tragseile sind in beiden Stationen trommelverankert, das Zugseil ist in der Station Hòn Thơm mit 50 t gewichtsgespannt. Bei schwachem, laminarem Wind (ca. 1 bis 7 m/s), der hier fast ununterbrochen weht, entstehen hinter den Seilen Luftwirbel. Diese verursachen äolische Schwingungen – das Seil beginnt mit hoher Frequenz, aber geringer Amplitude zu schwingen. Um diese Schwingungen zu dämpfen, wurden an den Tragseilen links und rechts der Seilreiter Stockbridge Schwingungsdämpfer (auch „Hundeknochen“ genannt) angebracht. Ohne diese Schwingungsdämpfer würde es zu Materialermüdung an den Befestigungspunkten der Seilreiter an den Tragseilen kommen, was bis zum Bruch einzelner Seildrähte führen könnte. Der Unterflurantrieb in der Station An Thới besteht aus zwei, hinsichtlich Drehmoment und Geschwindigkeit synchronisierten Motorgruppen, die zwei Antriebsscheiben antreiben. Jede Motorengruppe besteht aus zwei 630-kW-Motoren, Betriebsbremsen und Getriebe. In der Antriebsstation befindet sich noch eine Gegenscheibe, so dass der gesamte Umschlingungswinkel des Zugseils an beiden Antriebsscheiben etwas mehr als 360º beträgt. Neben dem üblichen Notantrieb für den Fall eines Stromausfalls sind beide Antriebsscheiben und die Gegenscheibe mit hydrostatischen Notantrieben ausgerüstet. In der Gegenstation Hòn Thơm gibt es ebenfalls drei Zugseilscheiben, zwei sind fixe Umlenkscheiben und die dritte Seilscheibe wird gewichtgespannt. Die Bahn verfügt über das System der integrierten Räumung, bei dem durch zusätzliche Sicherheitseinrichtungen und redundante Bauteile bei allen denkbaren Störungen, wie auch bei Lagerschäden an den Seilscheiben, alle Kabinen in die Stationen gebracht werden können, ohne die Fahrgäste auf der Strecke bergen zu müssen.
ATEMBERAUBENDER KOMFORT
Nach ihrer Eröffnung wurde die Bahn mit 35 Kabinen mit 24 Sitz- und 6 Stehplätzen ausgestattet, womit eine Förderleistung von 1.750 P/h erreicht wurde. Im Zusammenhang mit dem Ausbau touristischer Einrichtungen auf der Insel reichte die Kapazität bald nicht mehr aus, weshalb die Anzahl der Kabinen auf die geplanten Endausbauwerte von 69 Kabinen und damit auch die Förderleistung auf 3.500 P/h erhöht wurden. Alle Stromverbraucher in den Kabinen werden während der Fahrt durch einen Laufrollengenerator mit Strom versorgt. Obwohl alle Kabinen ein komfortables Fahrgefühl bieten, steht für besondere Anlässe noch eine VIP-Kabine für acht Fahrgäste mit besonders luxuriöser Sonderausstattung zur Verfügung: Echtledersessel, Inneneinrichtung aus Echtholz mit Blattgoldverzierungen, exklusives Entertainment-System, Kühlschrank, LED-Innenbeleuchtung mit Sternenhimmel und permanente Klimatisierung. Für einen Ausblick mit freier Sicht auf das darunterliegende Meer sorgt der Glasboden. Um den VIP-Fahrgästen klimatischen Komfort und Privatsphäre zu gewährleisten, sind die Glasscheiben der Kabine mit einer halbtransparenten Silberfolie versehen.
WEITERENTWICKLUNG DER FERIENINSEL
Herr Trần Duy Long, Vice Director von Sun World Hòn Thơm, teilte der ISR während unseres Besuches mit, dass die meisten Gäste aus Südkorea, Vietnam, Kasachstan, Usbekistan, Russland, Indien und Europa kommen. Wie wir selbst beobachten konnten, schreitet der Bau von Hotels auf der 570 ha großen Insel Hòn Thơm mit hohem Tempo voran. Aus diesem Grund wird laut Long bis 2028 eine zweite parallele 3S-Bahn mit einer Förderleistung von 7.000 P/h und mit 116 Kabinen gebaut, diesmal von der HTI-Gruppe. Damit wird eine redundante, ganzjährige Verbindung zwischen Phú Quốc und der Ferieninsel Hòn Thơm mit ihren Hotels auch während Revisionszeiten an der einen oder anderen Seilbahnsichergestellt.


